Violeta Mikić

Pausenbrief  10 | 2019

Aber – was ist Zeit?

Liebe Leserinnen und Leser,

In einer Pause glaubt man wieder einmal zu spüren, was Zeit ist. Aber – was ist Zeit? Was genau spürt man denn da?


Eine Szene in dem Kurzfilm Der Rechte Weg des Zürcher Künstlerduos Fischli & Weiss bringt es auf den Punkt: Zwei mannshohe, sprechende Tiere, ein Bär und eine Ratte, sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und begeben sich auf Wanderschaft durch die Schweiz. Sie streifen durch die schönsten Landschaften, baden in Höhlenseen, stolpern grüne Halden hinauf und Gletscherwände hinab. Eines Abends kommen sie vor die Eiger Nordwand. Was nun? Da geht es nicht weiter. Sie sammeln Steine, schichten diese zu kleinen Türmen auf wie man es manchmal an Points-of-Interest tut, um die eigene Anwesenheit zu dokumentieren, und legen sich die Türme auf den Kopf. Stille. Aber es kommt nichts. Mit dem Blick weiter verdrossen auf das Panorama sagt die Ratte plötzlich zum Bär: "Spürst Du was?" Der Bär: "Nee, ich auch nicht." Also... keiner spürt was. Und dabei ist doch gerade alles so richtig schön groß…


Die Szene ist hinreißend, absurd natürlich, unheimlich, aber auch komisch dadurch, dass sie so aussichtslos ist. Der Bär und die Ratte waren überall. Sie wissen genau, was sie vor einer Woche taten, wo sie gestern, heute früh, ja eben noch waren, und dass sie im Anschluss unbedingt nach Italien wollen, das wissen sie ebenso. Der Bär und die Ratte haben ein richtiges Zeitmanagement. Nur in dem Moment, in dem die Pause nach ihnen greift, sind sie verloren. Warum? Und – geht uns das nicht allen oft ganz ähnlich, wenn wir ehrlich sind? Sofern wir es nicht anders eingeübt haben, spüren wir in unseren Pausen meistens nur die Aufregung darüber, was eben war und gleich wieder sein wird. Das aber ist gerade nicht die Zeit, oder? Es ist Zeitverlust. Darum:


In einer Pause, die ihren Namen verdient, geht es keineswegs um Zeit, schon gar nicht um Zeitverlust, sondern um das Gegenteil der Zeit. Um das, was zwischen dem weiten, weiten Tal der Vergangenheit und dem ziemlich hohen Berg der Zukunft liegt. Was wäre das Gegenteil der Zeit? Gegenwart. Auch wenn diese sich selbst im Dunstkreis der Zeit befindet... Übend, mit Türmchen aus Steinen auf dem Kopf,


Ihre 

Violeta Mikić

 






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