Violeta Mikić

Pausenbrief 11 | 2021

»Language is a Virus«

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mein Pausenbrief vom letzten Monat hat uns hier so schöne Reaktionen beschert, dass ich mich darin bestärkt fühle, auch kontroverse Themen immer mal wieder anzutippen. So ein Pausenbrief ist ja eine Plattform, um mit Tonfällen zu spielen, unterschiedliche Wege und Kurven in der Sprache anzusteuern, die selbst oft schon das Kontroverse in sich birgt.


1986 hatte die US-amerikanische Komponistin und Medienperformerin Laurie Anderson einen Song geschrieben: Language is a virus. Ich hörte ihn neulich und dachte plötzlich: Genau! Auch Sprache ist ansteckend! Irgendjemand sagt etwas, es kann gut oder blöd sein, jemand Zweites übernimmt es, eine Dritte fährt damit in den Urlaub und als sie zurückkommt, kennen es bereits Tausende. Auch sprachliche Ideen breiten sich wild aus, und einmal unter die Leute gebracht, ist es buchstäblich in aller Munde.


Exakt so verhält es sich mit der Wendung "3G". Kaum war politisch entschieden, dass im Rahmen der Pandemiebekämpfung für den öffentlichen Raum Zutrittsrechte zu erteilen sind für all die Personen, die entweder vollständig gegen den Sars-CoV-2-Virus geimpft oder von der Erkrankung Covid-19, die durch diesen ausgelöst werden kann, genesen oder aber auch durch einen negativen medizinischen Test nachweislich weder an Covid-19 erkrankt noch mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert sind – uff, ja, genau, also kaum war das politisch entschieden, gab's auch schon "3G". Als ich die Formel zum ersten Mal im Radio hörte, dachte ich, es ginge um einen neuartigen G8-Gipfel oder G7. Oder doch G20? "3G" jedenfalls kannte niemand, da war es schon eine Formel und klar, man muss das mitbenutzen, selbst wenn man sich nicht daran zu halten vermag.


Nun lassen sich Detailbeschreibungen beim Sprechen im Alltag nicht aufrecht erhalten. Aber sprachliche Verknappungen wirken immer auch emotional verkleinernd. Man kann die schönsten Dinge so lange abkürzen, bis sie nicht mehr da sind. Und die hässlichsten und schwierigsten eben auch. Warum tut man das? Damit sie nicht mehr beißen. Und das empört mich so bei "3G“.


Wie viele Leute gerade ihr "Sind Sie 3G?" oder "Kommt in 3G!" salopp über die Theke werfen. Immer öfter auch, noch knapper, "2G", und was hier wegfällt, danach fragt schon keiner mehr. Nur ein Buchstabe? Nein, ich buchstabiere es mal aus: Bei "2G" werden weggekürzt Bürger*innen, Freunde, Kolleginnen, Oma und Opa und alle, die aus klinischem, datenschutzrechtlichem, sozialem, historischem oder sehr persönlichem Grund noch nicht zu den "guten Gs" aufgeschossen sind. Apropos, neulich bekam ich eine Einladung zu einer Ausstellung Paradiese, Notiz dabei: "3G führt ins Paradies". Meine Assoziation knüpfte an MPs und Selbstmordkommandos an. Ich fand's nicht mehr witzig. Sprachliche Abkürzungen sind in sich eine Gewalttat, sobald sie unüberlegt gebraucht werden.


Ich hörte herum, man antwortete mir, na hinter "3G" verbergen sich "Geimpfte, Genesene, Getestete". Nicht Menschen oder zumindest doch Personen? Nö, Substantive. Das eigentlich Bedenkliche liegt meines Erachtens in der Versachlichung, die diesmal Ausdruck in einer Substantivierung findet. Jene Menschen, die im Rahmen von Covid-19 geimpft, genesen oder getestet sind, werden unmerklich zu Sachen. Und Sachen kann man mit Kürzeln noch sachlicher machen. Und am Ende ist es alles total praktisch untergebracht und digital abpackbar, das mit unseren Ängsten. Denn Ängste sind es doch, die in Fällen wie Covid zur Abbreviatur führen. Man muss die Leute sprachlich neuerdings nicht mehr angucken, wenn man ihnen die G-Rechte (vormals: Grundrechte) beschneidet. Und seien wir doch ehrlich: Selbst "2G" ist eigentlich "1G". Die von Covid-19 genesenen Menschen sind nämlich schlechtere "Gs" als die, die sich zur einer Impfung entschlossen haben. Binnen 6 Monaten fallen allerdings auch diese "Gs" der 2. Klasse aus der unsozialen Welt der Abkürzungen heraus. 2much4me.


Ich möchte deshalb aufstehen und dafür plädieren, dass wir unsere Ängste sprachlich benennen, sie ausbuchstabieren dürfen! Nur Ängste, die man anerkennt, lassen sich auch bewältigen, individuell wie kollektiv. "Sie sind von Covid-19 genesen, ich freue mich für Sie!" "Ich bin geimpft, ich halte das für eine unter mehreren rationalen Entscheidungen." "Er ist nicht geimpft, er war vor Ausbruch der Pandemie lange schwer krank und ist noch befangen darin, einem neuartigen Injektionsstoff zu vertrauen." Liebe alle, das kann so lauten, auch bei Stress! Und wo eine Klausel nötig wird, empfehle ich, hinter den politischen Direktiven unsere wundervollen Verben oder Adjektive nicht zu vergessen, die das Menschlichsein ausmachen: "Unser Veranstaltung erlaubt heute Zutritt für geimpfte, genesene und getestete Besucher*innen.“


Bloß wo ist das 4. "G" – im Denken, im Fühlen, im Handeln?


Welches ist denn das 4. "G“??


Das vierte "G" steht für "gesund“.


Damit hat bislang niemand gerechnet.


Ihre

Violeta Mikić