Violeta Mikić

Pausenbrief 02 | 2026

Vom Fragen zum Prompt – und zurück

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich falle ins neue Jahr wie ins heutige Thema hinein. Mir geht es um KI und Prompting. Ist es nicht bemerkenswert, dass wir ausgerechnet für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz beginnen, uns mit der Kunst des Fragens zu beschäftigen?


Über KI ist gegenwärtig so viel zu hören wie zu Pandemiezeiten über Corona. Gelegentlich werde ich ganz taub vor lauter Hören. Doch die Sache mit dem Fragenstellen lässt und lässt mich nicht los. In eigens ausbaldowerten Crash-Kursen lernen wir, dass es so präzise wie offene Fragen braucht, um gute Antworten zu erhalten. Hey!? Menschen leben seit Jahrtausenden miteinander, verhalten sich im Moment aber so, als wäre eine Frage ein Tool von Außerirdischen. Im Alltag fragen wir tatsächlich wenig bis gar nicht mehr nach, hören rasch auf zuzuhören und tun so als würden wir die anderen sofort verstehen. Nein, wir leiden kollektiv an einer Hybris des Verstehens, das glaube ich. "Ach ja, natürlich, da bin ich ganz bei Dir, Du. Aber ich muss los, tschüssikowski! Niemand ist hier bei keinem. Auch grundsätzlich nicht. Denn unser Emotionenkatalog, unsere ganze Psychodynamik sind sehr verwickelt.


Insofern bin ich davon überzeugt, dass wir uns erst verstehen, wenn wir verstanden haben, dass wir uns spontan nicht verstehen. Also dass das Verstehen ein Schritt-um-Schritt-Ereignis ist, das sich nicht mit Tastenbefehlen und Konfektionssätzen einrichten lässt. Ein Igel im Vergleich zum Hasen. Sie kennen alle den Wettlauf der beiden und wissen, wer am Ende als Erster durchs Ziel geht.


Und wahrscheinlich nur in diesem Sinn bringt uns KI etwas bei: In unserer Auseinandersetzung mit maschinellen Vorgängen lernen wir etwas über die Interrelation von Versklavung und Technologie, vor allem aber etwas über uns selbst. Nämlich dass echtes Verstehen Zeit braucht. Dass Fragen Signaturen von Respekt sind und nicht von Vokabelökonomie. Und dass wir einander viel zu oft vorschnell Bedeutung zuschreiben, geradezu zuschachern aus Zeitknappheit oder Empathiemüdigkeit oder Überforderung oder oder oder. Wie oft fehlen sie im Zwischenmenschlichen. Wer? – Die Erkundigungen. 


Praxistipp:Wer in Suchmaschinen Antworten ohne KI will, setze hinter die Suchbegriffe das Kürzel "-ai" [minus ai]. Funktioniert! 


Ihre Violeta Mikic.